Freitag, 19. Juni 2009

Update

Ich dachte so bei mir, ich nutze die Publikationsplattform dieses Blogs, nicht nur um lustige Geschichte vom burkinischen Alltag zu berichten, sondern auch um zu verkünden, was ich hier gerade mache, so ganzheitlich betrachtet.
Ursprünglich kam ich nach Ouaga, um an der Université de Ouagadougou ein Semester zu studieren. Das geht nun leider doch nicht alles so. Denn wegen der vielen Streikereien der Dozierenden (!) sind die Studierenden in Verzug. Deswegen sind beispielsweise Einschreibungen für meine Präferenz (fünftes Jahr Politikwissenschaft) dieses Semester generell nicht möglich, erst wieder ab November, denn die anderen müssen erstmal fertig studieren. Da dieses Semester ja aber eigentlich sowieso dazu gedacht war, mich der französischen Sprache langsam anzunähern und in der neuen Umgebung einen Alltag einzurichten, ist das jetzt nicht so wild, dass ich doch nicht studieren kann. Also absolviere ich hier jetzt mein studienrelevantes Pflichtpraktikum von sechs Monaten. Das nun aber nicht etwa bei einer großen europäischen Organisation in einem eigenen Büro montags bis freitags von 8 bis fünf, neee.
Ich arbeite bei zwei burkinischen Associationen mit, relativ jung und klein, alles ehrenamtlich, also nebenberuflich, ohne Büro. Die eine Association gibt in Schulklassen Sensibilationsstunden zu AIDS, Familienplanung sowie Drogen und hilft auf Dörfern einkommensschaffende Maßnahmen zu installieren. Die andere Association kümmert sich vor allem um die Belange von Mädchen und jungen Frauen, will deren Schulbesuch sichern, aufklären, Selbstbewusstsein schaffen.
Und weil es sich gerade so schön anbietet, auch ein Hühner-Update an dieser Stelle: Unsere WG hat jetzt auch ein eigenes Huhn. Denn am Wochenende war ich mit der einen Association sechzig Kilometer nördlich von Ouaga, um die Dorf-Projekte zu besichtigen. Und ein Dorf war über meinen Besuch so dankbar, dass es mir ein Huhn vermachte. Das wurde dann bei der Rückreise nach Ouaga als Galionsfigur vorne auf das Motorrad geklemmt, mit den Füßchen um den Rückspiegel gewickelt. Nun scharrt es bei uns in Hof und Garten. Zum Schlafen muss es immer auf einen Baum gesetzt werden, sonst flattert es auf die Stuhllehne, um dort seinen Ersatz für die Hühnerstange zu finden. Momentan also ist unser Huhn Haustier. Mal schauen, wie lange noch.

Samstag, 6. Juni 2009

Was tun mit dem Huhn?

Schon etwas länger her, über Ostersonn- und -montag, reisten wir nach Kaya. Das ist ein kleines Städtchen hundert Kilometer nördlich von Ouaga. Zwar ist schon das burkinische Busfahren einen Bericht wert, aber heute geht es erstmal noch um ein anderes Erlebnis, das maßgeblich von einem Huhn handelt. Siehe auch Überschrift, nech.
In Kaya trafen wir dann andere Nassara, denn die Entwicklungshilfe-Szene Burkinas klüngelt. Da die Stadt Kaya selbst jetzt nicht soooho sehenswürdig ist, folgten wir dem Rat des Buches und beschlossen, zum Lac de Dême zu fahren. Und zwar mit dem Privatauto einer besserverdienenden UNO-Frau, einem normalen PKW, der für maximal fünf Menschen zugelassen ist – und zwar zu siebt. Als wir alle verstaut waren, rumpelten wir los. Im Stadtzentrum fielen wir noch gar nicht auf zwischen all den überladenen Gefährten. Als wir dann längere Zeit auf den immer gleich aussehenden Pisten herumkurvten, Hinweisschilder zum ersehnten Lac vergebens suchend, waren wir immerhin eine gern gesehene Attraktion. Nassara am Fenster winkte papst-gleich den Menschen zu. Nach mehrmaligem Fragen („jaja, immer geradeaus“) und einigen Unterbodenaufsetzern erreichten wir auf einer pistigen Landstraße einen großen schattenspendenden Baum, unter dem sich mehrere Frauen mit Kindern versammelten – und Mangos verkauften; ob der raren Verkehrsdichte schienen mir die Verkaufschancen nicht sonderlich hoch. Hier stellten wir dann unsere letzte Frage nach dem ersehnten Lac de Dême. Eine jugendliche Tochter erklärte sich sogleich bereit, uns zu begleiten, dann aber zu Fuß, auf dass wir unser Ausflugsziel auf den letzten Metern nicht doch noch verfehlen würden. Und schließlich: Okay, ein See halt, mit Wasser, joah. Viel wichtiger aber das ganze Drumherum. Denn neben der Tochter wuselten auch immer ihre kleinen Brüder um uns herum. Meistens kicherten sie verlegen. Die viele westliche Technik fanden sie zunächst ein wenig befremdlich, neckten sich dann aber gegenseitig, als sie sich auf dem soeben gedrehten Film wiedersahen. Hihi. Die verschüchterten Jungens auf einem doofen Klischee-Foto.
Dann ging es zurück zum geparkten Auto, zuvor aber noch ein Abstecher zum Dorf der Kinder. Zorkoum, falls es irgendwie interessieren sollte. Der Vater der Kinder war auch gleichzeitig der Dorfchef und lebte mit seinen mehreren Frauen und gefühlten TAUSEND Kindern auf einem Hof. Die Nachbarn etwa hundert Meter entfernt. Im Hof wurden uns sogleich Stühle zurecht gerückt. Die anderen, vor allem Kinder, tummelten sich um uns. In die Mitte wurde ein großer Topf mit Erdnüssen platziert, immer schön zugreifen. Sodann folgte der Plastikbecher mit Dorfwasser, der nun unter den Gästen die Höflichkeitsrunde machte, denn großes Dilemma: In jedem Tropeninstitut, in jedem Gesundheitsratgeber wird vor nicht industriell abgefülltem oder nicht selbst gereinigtem Wasser gewarnt; andererseits aber soll nun auch nicht die großzügige Gastfreundlichkeit verprellt werden. Alle nippten also einen gut gemeinten Alibischluck; unser spontan aus der Gruppe erkorener Chef-Korrespondent mit dem meisten sprachlichen und kulturellen Wissen trank dann dankenswerterweise den halben Topf leer. Dann murmelte der Vater etwas zu den Kindern, die daraufhin wild lospreschten. Achso, sie jagten ein Huhn. Als sie es von allen Seiten in die Enge getrieben hatten, wurde es an den Füßen gepackt und dort durch ein Band an jeder weiteren Bewegung gehindert. Das war nun das Geschenk an uns: ein lebendes Huhn. Oh, wie nett, janein, wirklich, ganz lieb. Wir reichten das Huhn zwischen uns herum und berieten: Was tun mit dem Huhn? Wir versuchten freundlich und mit Hinweis auf unsere Hotelübernachtung sowie die Reise nach Ouaga das Huhn zurückgeben zu dürfen. Aber nix da. Keine Nassara-Ausrede wurde zugelassen. Also wurde das Huhn eingepackt und im Fußraum des Autos transportiert. In Kaya überlebte es in der Hotelküche, oh Wunder. In Ouaga wurde es in einem WG-Hof ausgepackt. Zunächst wurde noch ein Hahn dazugekauft, in der Hoffnung einen kommerziellen Hühnerhof zu etablieren, aber der Hahn hat dann doch zu viel Krach gemacht und wurde wieder verkauft.

Mittwoch, 27. Mai 2009

"Bonne digestion!"

Jetzt geht es weiter. Diesmal zum sehr wichtigen Thema Essen.

Um das gleich vorauszuschicken: So viel anders ist es gar nicht. Allein das ganze Drumherum ist vielleicht ein bisschen gewöhnungsbedürftig.

So wie hier sowieso und alles auf der Straße – oder eben den Pisten – stattfindet, so eben auch Nahrungszubereitung und – aufnahme. Frauen tragen große Aluschüsseln Obst und Gemüse auf dem Kopf. Jungen schieben in auf Blechstangenkonstruktionen montierte Glaskästen große krapfenähnliche Fettbälle durch die Straßen. Überall stehen wackelige Tischchen mit verschiedenen Nussarten in kleinen Plastiktütchen. Aber das ist ja alles nur so für zwischendurch auf die Hand.

Richtig Mittagessen gibt es beispielsweise „Chez Tanti“, also „bei Tantchen“, denn alle älteren Frauen werden respektvoll „Tantchen“ genannt. Dort stehen auf wiederum wackeligen Tischen abermals große Aluschüsseln mit noch größeren Plastiktüten voller Reis, daneben und darunter kleinere Töpfe. Zur Auswahl stehen „riz blanc“ und „riz gras“. Den original weißen „riz blanc“ gibt es mit Erdnusssoße, der rötliche „riz gras“ wurde mit Soumballa, so einem Pulver einer Pflanze, gefärbt und wird mit Gemüsesoße serviert. Dazu vielleicht ein Klops Fleisch oder ein Stück vom Fisch, jeweils schwierig im Verzehr, weil noch alles dabei ist. Oder aber ein Klotz Yams dazu, eine Knollenfrucht, die außer der sehr viel mächtigeren Größe in allem an die gute alte Kartoffel erinnert. Oder statt Reis ein wenig Spaghetti, ist ja aber langweilig. Oder aber, ein wenig abenteuerlustiger, Tô mit sauce d’oseille. Tô, das sind recht große Klöße aus zermahlener Hirse, die einfach mal Null Eigengeschmack haben, weswegen die Sauce ganz wichtig ist. Die wiederum erinnert in den Kategorien Aussehen und Konsistenz an Spinat. Oder auch Bohnen mit ganz viel Öl und Salz. Und zwar die braunen Tönchen-Böhnchen, nech.

Zum Verzehr geht es zu den anderen auf die bereit gestellten Bänke, entweder im Haus oder im Stohmattenverschlag oder einfach unter einem Baum. Die anderen sind meistens arbeitende Männer, die zur kurzen Mittagspause vom Straßenverkauf hier einkehren. Auf den gewünschten „Guten Appetit“ wird ein „Sie sind eingeladen“ entgegnet. Diesen Satz höre ich auch öfter von den essenden Nachbarn, wenn ich nachmittags durchs Viertel laufe. Ich bedanke mich dann freundlich und gehe weiter. Denn diese Einladung ist mal wieder eine der vielen Floskeln, die eigentlich nur Ausdruck von Höflichkeit sind. So verteile ich nun auch ganz selbstbewusst die Einladungen.

Gegessen wird eigentlich mit der rechten Hand– und zwar nur mit dieser. Jaja, Afrika und Entwicklungsland und so. Tatsächlich ist das aber auch gar keine Schweinerei. Und die Hände werden vor und nach dem Essen mit Wasser aus den bereitgestellten Plastiktrögen gewaschen. Und für uns gibt es immer auch große Löffel.

Eine große Portion Reisberg mit Sauce dabei kostet umgerechnet etwa 50 Euro-Cent. Und nach dem Zahlen wünscht uns Tanti noch „Bonne digestion!“, also gute Verdauung. Wie nett. Bisher ist auch alles gut gegangen und ich wurde von keinerlei fiesen Bakterienkulturen heimgesucht. Auf Holz geklopft!

Etwas spektakulärer ist dann schon die Entdeckung von Fleischgerichten. Ganz oft gibt es nämlich Brochetten-Stände. Auch an der Straße, is klar, hier und da mit kräftiger Rauchentwicklung. Aber das stört beim hiesigen Straßenverkehr auch nicht weiter: Irgendwas ist immer. Brochetten also sind kleine Fleischstücken, die auf einem Holzspieß gepiekst werden. Ähnlich einem Schaschlik, nur kleiner. Alternativ gibt es auch einen Teller Fleisch. Oder „einen afrikanischen Döner, zum Mitnehmen, bitte“ – so haben wir das mal WG-intern getauft. Das war auch gleichzeitig unser erstes Fleisch-Erlebnis.

Also: Ein großes Rost wird auf zwei wacklige Steinerhöhungen balanciert; darunter glühen sperrige Holzklotze, die bis auf den Weg ragen: der Grill, voilà. Daneben ein wackeliges Tischchen; darauf ein abgenutzter Amboss, ein Plastiktellerchen, einige Fläschchen und ein großes Messer: die Küche, enchanté. Der Grillmeister holt ein Stück Fleisch aus einer Kiste hervor und spaltet kleine Stückchen ab, die dann auf den Grill geworfen werden. Ein bisschen würzen, kurz warten. Währendessen holt der Meister aus einem Korb ein großes Stück Papier, reißt ein Rechteck davon ab, wendet sich ab und haut einmal mit der flachen Hand auf das Stück Papier. Nun ist sauber. Dann werden die Fleischstückchen vom Grill mit der Hand gekonnt auf das Papierstück geworfen und oben zusammengewickelt. In einem kleineren, ebenfalls professionell gereinigten Papierstück wird ein wenig roter Pfeffer gebrist, ebenso zusammengezwirbelt. Das ganze mit Zahnstochern als Besteckersatz in die beliebte schwarze Plastiktüte. Fertig. Es bietet sich an, die Mahlzeit in beleuchteter Umgebung zu genießen. Hier und da hängen noch Fett und Knorpel dran. Knochen sowieso. Ein ewiges Herumstochern, unter Licht betrachten, abwägen, dann riskieren oder doch verwerfen.

Dienstag, 28. April 2009

Der erste Regen

Gestern hat es geregnet! Endlich! Hurra!

Die Freude über Regen erklärt sich aus der vielen Hitze. Um das ein wenig zu illustrieren – auch wenn es nicht schön wird: Nachts, wenn es auf „angenehme“ 27 Grad abkühlt, wird trotzdem der Ventilator angeschmissen, um ungestörter schlafen zu können. Die Klimaanlage bleibt wegen des hohen Stromverbrauchs aus. Die Decke, ein Bettlaken, liegt nur alibihalber im Bett. Trotzdem ist es warm, zu warm. Idealerweise werden alle Gliedmaßen lang ausgestreckt, denn in Kniekehlen und Ellenbogenbeugen sammeln sich unangenehme Schweißteiche. Wenn der Ventilator wegen Stromausfall nicht mehr rattert, ist es unerträglich und das Kissen wird peinlich nass. Tagsüber läuft sowieso immer alles. Anfangs sträubte ich mich noch dagegen, morgens und abends zu duschen. Mittlerweile sehe ich aber ein, dass ein für den Moment schweißfreier Körper besser schläft. Die notwendige Abkühlung hält auch nicht lange an, denn die Kleidung ist immer noch warm. Ich träume von einem gekühlten Kleiderschrank, verwerfe die Idee aber ob der anklagenden Dekadenz sogleich.

Aber es ist ja auch Trockenzeit. Die geht so bis Ende April, danach kommt die Regenzeit, mit Regen und Abkühlung. Seit meiner Ankunft wird das erhoffte Nass immer wieder hinausgeschoben. Die letzte Schätzung belief sich auf Mitte Juni, uiuiui.

Es ist also heiß. Und das geht nicht nur mir so, sondern auch den Burkinabé. Die sind übrigens ganz schön quengelig: tagsüber ist es zu warm, nachts zu kalt; dann tragen sie dicke Wollmützen.

Gestern Vormittag war es drückend heiß, richtig schwül. Der Himmel war bedeckt, die Sonne knallte gar nicht wie üblich, aber es war warm, unangenehm warm. Mittags gingen Anna und ich um die Ecke was essen. Beim Anstehen beobachteten wir die um uns stehenden Burkinabé, denen der Schweiß ebenso in kleinen Rinnsälen am Körper herunterlief. Beim Essen wurde es noch schlimmer, jaja, „wer beim Essen nicht schwitzt, ist nicht gesund“, und so. Dennoch äußerst unangenehm, wenn ein dicker Schweißtropfen von der Stirn über die Nase läuft.

Und dann plötzlich vernahmen wir leise Tropfgeräusche, diesmal nicht vom Körperschweiß, sondern draußen: Ohja, es regnete. Erstmal nur ein bisschen. Dann wurde es doller. Der Wind wehte, richtig angenehm, weil kühlend. Zuhause haben wir erstmal alle Fenster aufgerissen, um das Haus durchzulüften. Nach einer kurzen Pause, fing es dann so richtig an. Dunkler Himmel, böser Wind, lautes Regenprasseln und Pfützen.

Danach war es angenehm, immer noch warm, aber nicht so schrecklich klebrig. (Pullover?! Wie drollig. Beim Packen für einen Tagesausflug dachte ich kurz an einen Pullover, entsann mich dann aber dem Klima und schüttelte lachend den Kopf.) Gestern Abend traf ich mich noch auf zwei Bier mit Dobila, dem Wachmann vom Bankautomaten. Und tatsächlich musste ich zum zweiten Mal seit meiner Ankunft eine öffentliche Toilette aufsuchen: Ich hatte nicht sofort wieder alles transpiriert. (Angesichts der Toilettenqualität doch lieber Hitze, bitte.)

Heute ist es wieder warm, die Sonne brutzelt, alles wie immer: Schweiß.

Dienstag, 21. April 2009

„Nassara! Nassara!“

Um das gleich mal festzuhalten: Ich bin Nassara. Und ihr alle auch, glaube ich. Das war eine der ersten Lektionen hier in Ouaga. „Nassara“ ist nämlich Mooré, die Sprache der Mossi, der größten Ethnie in Burkina Faso, die in und um Ouaga lebt. Und „Nassara“ bedeutet „weißer Mensch“. Also rufen die Burkinabé den weißen Menschen „Nassara“ zu und hinterher. Und das ist nicht mal abwertend gemeint – glaube ich. Dieser Begriff ist so geläufig, dass selbst die kleinsten Kinder, die sonst noch nicht viel sagen können, so doch wenigstens ein entdeckendes „Nassara“ rufen. Manche Kinder ängstigt der Anblick des weißen Menschen dann auch. Denn vergleichbar etwa dem deutschen „Wer hat Angst vorm schwarzen Mann“ gibt es hier Drohgeschichten vom Schlage „… dann holt dich Nassara“. Die etwas aufgeklärteren oder aber mutigeren Kinder entdecken die weißen Menschen schon in der Ferne und kommen in großer Schar angerannt, um die ausgestreckte Hand hoffnungsfroh entgegenzuhalten. Dann schüttelt Nassara freundlich die verklebten Kinderhände, schaut in schüchterne Gesichter und dann den jubelnden Kindern hinterher. Neben „Nassara“ entwischt den spielenden Kindern aber auch ein überraschtes „la Blanche“ (die Weiße).

Während das für die Kinder ein großer Spaß ist, gilt den erwachsenen Burkinabé „Nassara“ als Begrüßungsfloskel: Wenn ich ein „Nassara“ hinter mir höre, bin ich gemeint und drehe ich mich um. Dann winke ich energisch oder halte den Standard-Smalltalk ab: „Bonjour. – Ca va? – Bonne journée.“ (Guten Tag. – Wie geht’s? – Schönen Tag noch. Oder ab 14 Uhr das gleiche mit „Bonsoir“ (Guten Abend).) Entweder sie erhoffen sich den Verkauf ihrer Produkte zu horrenden (ja, weil eben Nassara-) Preisen oder aber sie fragen ganz ungeniert, ob eine Hochzeit drin wäre, wenigstens aber eine Reise ins ferne Europa. Nachdem ich anfänglich noch sehr unbeholfen die Avancen freundlich abzulehnen versuchte, weiß ich nun um den burkinischen Humor, gerade gegenüber Nassara. Also stimme ich fröhlich lachend in das Heiratsangebot an, reiche zum Abschied die Hand und gehe lachend hinfort. Manchmal geht es aber doch nicht so lapidar. Denn die zweite wichtige Vokabel, die ich hier lernte ist dann auch französisch: accompagner – also begleiten. Habe ich endlich deutlich zu verstehen gegeben, dass ich ausgerechnet jetzt in diesem Moment, ach wie schade, mal keine Zeit habe, dann ist das auch kein Problem, „ich kann dich begleiten“. Oftmals wollen die Menschen aber auch einfach nur kennenlernen und ein wenig plaudern. Denn die dritte Lektion lautete: causer – plaudern.

Weil ich weder mit Moped noch mit Fahrrad meine Erledigungen mache, sondern immer noch schön zu Fuß, ich also nicht schnell davonbrausen kann, kalkuliere ich für den kurzen Weg zum Bäcker schon mal mehrere Stunden ein. Ein kleiner Einblick:

Direkt gegenüber von unserer „Villa“ steht Dianes Bretterverschlag, in unserem WG-Jargon jetzt „Kiste“ getauft. Dort steht mindestens Sere und erwartet wiederum mindestens ein engagiertes Winken mit „Bonjour. Ca va?“-Rufen. Mit Zeit und Muße ist schon mal ein Tee mit causer drin. Etwa zehn Meter weiter hat Wassa seine Kiste mit all den wichtigen Dingen fürs Leben eingerichtet: Waschmittel, Instant-Kaffee („Nescafé“-Monopol), Öl, Bonbons und natürlich causer. Nun kann ich entweder nach links zu Jabhet, dem Student der Wirtschaftswissenschaften, abbiegen oder geradeaus auf die Karten spielende Männerrunde zusteuern. Ich habe schätzungsweise hundert Meter und eine Stunde geschafft. Jetzt kann ich ein wenig Weg zurücklegen, nur noch kurze Grußfloskeln. Spätestens bei „Américain“, dem Hosenverkäufer, bleibe ich wieder für ein längeres Pläuschchen. Und schließlich, nach zwei Stunden, gelange ich zur Bäckerei. Für den Heimweg wähle ich eine andere Route, hihi. Mittlerweile kenne ich die kleinen Querpisten (noch) ohne feste causer-Institution.

Weil die Namen zu Beginn nur so auf mich einprasselten, ich aber beim garantiert näxten causer nicht der Peinlichkeit des Namenvergessens begegnen wollte, trage ich alle neuen Bekanntschaften möglichst zeitnah in mein Notizbüchlein ein; mit charakteristischem Wiedererkennungsmerkmal. Dann lunsch ich noch mal schnell auf den Namensspickzettel, bevor ich um die Ecke biege.

Das klingt alles sehr nach Urlaub. Ohja. Aber bedenkt: Das alles auf französisch. Ohlàlà. Einen besseren Französisch-Kurs gibt es nicht, inklusive ethnologischer Feldforschung.

Dienstag, 31. März 2009

Die letzten Tage

Jaja, die Reise neigt sich nun dem Ende entgegen. Was passierte in den letzten Tagen?

Nachdem wir das laaaangsame Bundi endlich verlassen konnten, fuhren wir nach Jodhpur. Die blaue Stadt. Dort kuckten wir uns ein Fort an, das eigentlich eher einem Palast aehnelt. (Ehrlich, mir sind die Unterschiede nicht ganz klar.) Schon beeindruckend war, von dort runter auf Old Jodhpur zu sehen, in dem alle Haeuser in einem laeuchtenden Blau gestrichen sind. Das hat allerdings keinen kulturellen oder religioesen Sinn, sondern soll Insekten fernhalten und blau ist eine billige Farbe. Ob wir insgesamt allerdings weniger Kakerlaken als sonst gesehen haben, weiss ich nicht mehr.

Nach zwei Tagen in Jodhpur ging es weiter und nun sind wir - tatatataaaaa - wieder in Delhi. Hier gab es noch viel zu tun: Hippie-Kram kaufen, durch Bazaare schlendern und einen riesigen Moscheekomplex Qutab Minar ansehen. Achja und krank werden. Es ist also doch noch passiert: Am Sonntag verbrachte ich den Tag mit Magenproblemen (plastischere Beschreibung liefere ich auf Wunsch gerne nach) im Hotelzimmer. Ich weiss jetzt: Nie wieder Jalebi. Schon der Klang.... hrgh. Dafuer gab es Montag Abend wieder Schonkost und heute morgen das erste richtige Fruehstueck. Wie man sich ueber einfache Dinge manchmal doch freuen kann!

Montag, 23. März 2009

80 Minuten für einen Lassi

Wir sind in Bundi (wie immer in einem ehem. Kuhstall untergebracht), einem gerade für den Mini-Massen-Tourismus aufwachenden Oertchen mit altem Prachtschloß. Erst- und Zweitfrau des lokalen Gewaltherrschers hatten eigene Luxusappartments und es gibt viele Wandmalereien, die die Herrscherfamilie beim Saufen und Kiffen zeigen. Man unterscheidet schön simpel in einen Lieblingsherrscher der Dynastie, der drei Stunden pro Tag die Sorgen seiner Untertanen angehört hat und jetzt in einem Schrein als Heiliger verehrt wird; und es gibt den Bösewicht, der 64 Frauen hatte und sich nicht um die Untertanen kümmerte.

Das alles erzählt einem der in jedem Reiseführer empfohlene Guide, ein sehr aufdringlicher Mann, der einen dauernd am Arm in irgendwelche Ecken reisst, weil man das Palast-Innere von seinen Zentimeter-peniblen Fantasiemarkierungen aus angeblich am besten bewundern kann. Wie so viele Inder hat er die Macke, alles in Rangfolgen zu packen und hat aus den hunderten Wandbildern extra die fünf besten ausgesucht, die man sich dann auch ausgiebig ansehen muss.

Noch hat die Konkurrenz in Bundi ihr leistungssteigerndes Werk nicht getan, es bleibt genug Geld für alle übrig. Bis die nächste Konsolidierungsphase also zu Leistungssteigerungen zwingt, werden einfach die Maschen des Nachbarn kopiert und man muss 80 Minuten auf einen Lassi warten . Ich ärgere mich doppelt, weil ich effizienteres Arbeiten gewohnt bin und deshalb erstens immer einen Hals kriege, wenn jemand offensichtlich Zeit verplempernd arbeitet; und zweitens, weil ich mir als Antinationalist ganz schön Deutsch mit dieser Reaktion vorkomme.

In unserem Guest House "Lake View" kann man herrlichst im Garten sitzen und den künstlichen See angucken. Wegen des dürftigen Monsun-Ergebnisses letztes Jahr ist der See allerdings eher eine Ansammlung von Pfützen mit Allmende-Wiese. Zwei Kuherden weiden darauf und die Hirtinnen sammeln sogleich den Kot zur Wiederverwertung ein.

Das kann man ausgieig beobachten, weil die hiesige Service-Kultur - wie gesagt - eher an den schlurfigen Bedürfnissen der Kellner denn der Kunden orientiert ist. Da sitzt der Restaurant-Boy (ein armer Tropf, der im 16-Stunden-Tag das Restaurant fast im Alleingang betreiben muss) schonmal Zeitung lesend mit dem Rücken zu seinen Gästen.

Wir haben die Zeit für das Frühstück gestoppt: Nach 50 Minuten kam Carmens Tee, dann zehn Minuten später unser köstlicher Fruchtsalat, nach 80 Minuten dann mein Muesli mit dem ersehnten Lassi. Zähneknirschen und Kopfschütteln füllen mir die Wartezeit.

Oft kopiert ist hier das Konzept des roof top restaurants. In Hampi waren das äußerst angenehme, teilweise individuell gestaltete Plätze zum Rumchillen. Hier in Bundi werden einfach zwei alte, schienbeinhohe Tische mit Gartenstühlen aufs kalte, neonröhrenbeleuchtete Dach gepackt. Man kommt hinauf, indem man der Familie, die in dem Haus wohnt, durch die Wohnetage latscht und sie beim Fernsehen stört. Die ewig quengelnd schreiende Tochter (die Zwölfe mögen mich mit solchen Kindern verschonen!) nimmt die Bestellungen auf und die Mutter macht einem was in der Familienküche.

Nach Bundi sind wir übrigens sehr unentspannt gereist. Erstmal von Hampi aus tagelang in Zug und Bus nach Ellora, einem fiesen Kaff ohne Internet. Highlight auf dem Weg dorthin: das äußerst häßliche Hyderabad. In Ellora gibt es einige dutzend recht spektakuläre Höhlen, die vor ungefähr 1300 Jahren aus dem Berg gehauen wurden. Jeweils mit buddhistischen, brahmanischen und jainischen Motiven oder sogar ganzen Kloster- und Tempelanlagen ausgehauen. Carmen würde jetzt Bilder einfügen, ich habe sowas nicht. Carmen, schreib' nochmal einen Ellora-Eintrag!

Von Ellora war es ohne Internet schwer, die Weiterreise zu buchen, weshalb wir viel auf Vermutung und auf den letzten Drücker von Stadt zu Stadt gedüst sind. In Jalgao haben wir Bettelkinderhorden an Straßenständen durchgefüttert und in Kota sind wir den wohl unfreundlichsten Menschen des Kontinents begegnet.

Ueberhaupt, Kota! Von Kota aus sollte es nur eine Stunde mit dem Bus bis Bundi sein, also freuten wir uns nach mittlerweile 30 Stunden ununterbrochenem Reisen schon auf das Ankommen. Aber in unser Schlafabteil quetschten sich zwei Stunden vor der unfreundlichsten Stadt der Welt plötzlich 16 Leute, weil ein paar pendelnde Ingenieurstudenten unbedingt Carmen fotografieren und anbaggern, laut johlen und schlechte Musik über ihre Handylautsprecher dröhnen mussten.

Ach, Indien.